der hat Charakter

Ich erzähle euch hier nichts Neues: Wenn man sich mit dem Schreiben von Romanen beschäftigt, kommt man um eine Sache nicht herum: Man muss fiktive Charaktere erschaffen, die trotzdem wie echte Personen wirken. Am besten klappt das, wenn man ihnen ein fiktives Leben schenkt, das gar nicht zwingend bis zum letzten Detail im Buch stehen muss. Aber als Autor musst du es kennen.

 

Als ich "Zimtschneckenjahre" geschrieben habe, habe ich mir zu dem Thema theoretisch noch keine Gedanken gemacht. Soll heißen, ich habe mich nicht hingesetzt und Figuren konstruiert. Sie sind mehr aus der Hüfte geschossen. Das heißt nicht, dass sie langweilig wären (hoffe ich zumindest). Ich bin nur nicht nach Lehrbuch vorgegangen. Viel mehr habe ich mich an einer Geschichte orientiert, die ich vor Jahren einmal im Blog einer meiner absoluten Lieblingsautorinnen gelesen habe. Shanna Swendson beschrieb darin, wie eine Frau, die ihr – ich glaube, es war beim Müll wegbringen – immer wieder begegnet ist, Einfluss auf eine ihrer Figuren hatte. Sie hat also quasi vom echten Leben abgeschrieben.

Ganz viele (Neben-)Charaktere aus meinem Debütroman haben Merkmale von Menschen, die ich mehr oder weniger gut kenne. Häufig sind es nur Kleinigkeiten, Vorlieben, der Job, Gewohnheiten, der Humor. Aber mir diese Dinge ins Bewusstsein zu rufen, hat die Namen auf dem Papier für mich lebendig werden lassen.

Das trifft übrigens nicht auf die Protagonisten zu, die sind weitgehend frei erfunden. Aber Lea und Ben hatte ich schon so lange in meinem Kopf, die beiden haben darin praktisch schon ihr eigenes Leben geführt. Daher war für mich vor allem eine Frage spannend: Wie würde es mir in der Hinsicht mit völlig neuen Protagonisten in einer völlig neuen Geschichte ergehen?

 

Inzwischen kenne ich die Antwort. Nach "Zimtschneckenjahre" habe ich noch 4 Romane aus dem Bauch heraus geschrieben. Aber bei meinen letzten beiden Projekten wurde mir bewusst, dass meinem Bauch die Charaktere ausgehen. Die Weihnachtsgeschichte, die ich im Nanowrimo2019 begonnen und vor ein paar Wochen fertiggestellt habe, hatte von Anfang an einen ziemlich genauen Plott (auch wenn ich am Ende die Gründe für eine Entwicklung ausgetauscht und dadurch die Vorgeschichte meines Protagonisten deutlich verändert habe), aber die Charaktere stellten sich beim ersten Durchlesen als ziemlich flach heraus.

 

Eigentlich halte ich nicht viel von Blogs, die mir erklären wollen, wie das Schreiben eines Buches funktioniert, aber in diesem Fall habe ich mich doch entschlossen, auf den Tipp zurückzugreifen, den man zu diesem Problem überall liest: Verpasse deinen Figuren Charakter, indem du Stammblätter führst, auf denen du ihre Eigenschaften definierst!

Ich habe zwei Dinge sehr schnell gemerkt:

  1. Stimmt und funktioniert super.
  2. Das perfekte Datenblatt gibt es nicht.

 

Im Internet kursieren etliche Vorlagen für Stammdatenblätter und jede ist auf ihre Art gut und durchdacht. Nur habe ich leider keine gefunden, die für mich gepasst hat.

Ich hatte immer diese Vorstellung davon, dass meine Charaktere eine Seite in einem Freundebuch ausfüllen. (Vermutlich habe ich das im Laufe meines Lebens als 3-fach Mama schon so oft gemacht, dass es zu einer fixen Idee wurde.) Natürlich meine ich damit nicht, dass sie wie ein Vierjähriger die Frage nach der Lieblingsbeschäftigung im Kindergarten beantworten sollen. Aber wenn man diese Fragen auf Erwachsene umlegt, kann man schon einiges über eine Person erfahren. Deshalb war genau das mein Ansatz, als ich mich hingesetzt habe, um mein eigenes Datenblatt zu entwerfen. Ich weiß nicht, ob es am Ende wirklich so viel Ähnlichkeit mit einem Freundebuch hat, aber für mich funktioniert es jedenfalls ziemlich gut.

 

Für den Fall, dass es jemand ausprobieren möchte, stelle ich es hier zum Download herein. Vielleicht klappt das Prinzip ja auch für andere. Man kann es übrigens entweder digital ausfüllen und speichern oder ausdrucken und händisch ausfüllen. Für Letzteres könnte der Platz zu eng bemessen sein, das habe ich nicht ausprobiert. Aber wenn du es versuchst, lass mir eine Rückmeldung in den Kommentaren da, ob es funktioniert!

 

Charakterstammblatt als pdf

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© Pia Christina Prenner 2020