Jahrestag

Ich habe gestern aus einem Impuls oder auch einem inneren Drang heraus ein paar Dinge gelöscht. Erst heute früh wurde mir bewusst, dass ich dafür einen "denkwürdigen" Tag erwischt hatte. Den Jahrestag meines ersten Angebots von einem Verlag.

 

Bezeichnend, dass irgendwas in mir drin mich gestern dazu aufgefordert hat, einen Teil meines Autorenseins zu beenden. Einerseits waren das ein paar Sachen, die mit meinem Verlag zusammenhängen, andererseits habe ich ein begonnenes Projekt verworfen.

Warum?

Weil ich es mit dem Ziel angefangen habe, einmal etwas zu schreiben, das den Verlagen in ihr Schema passt. Deshalb habe ich einen Roman nach Schema F geplottet. Vielleicht hätte es mir sogar Spaß gemacht, ihn zu schreiben, die bisher entstandenen Figuren sind eigentlich ganz sympathisch. Also bis auf den arroganten Typen, der erst am Ende streichelweich wird. Schema F eben.

Das bin einfach nicht ich.

 

Als ich gestern vor einem Jahr ein ausgesprochen sympathisches und wertschätzend formuliertes E-Mail von einer Lektorin des Verlags bekommen habe, hatte ich jede Menge Bedenken, das Angebot anzunehmen. Manches davon – vieles sogar – ist eingetroffen. Aufgrund dieser ersten Nachricht hätte ich aber nie erwartet, dass mein Hauptproblem tatsächlich ein persönliches werden würde.

Ich weiß nicht, woran es liegt, aber das vergangene Jahr hat gezeigt, dass der Ton des E-Mails geheuchelt war. Die Wertschätzung, die auch mein Mann herausgelesen hat, war nicht vorhanden. Und was auf den ersten Blick freundlich wirkte, war distanzierte Höflichkeit. Ich weiß das heute, weil ich mit anderen Autorinnen des Verlags in Kontakt stehe und ich inzwischen schon die eine oder andere Nachricht gelesen habe, die eine von ihnen bekommen hat. Der Ton ist ebenso ein anderer wie die Ansprache. Das ist nicht nur mir aufgefallen, sondern auch den Kolleginnen.

Wie gesagt – nicht den Hauch einer Ahnung, warum das so ist. Ich gehe mal davon aus, dass ich der Lektorin schlicht und einfach total unsympathisch bin. Irgendeinen Grund muss es haben, dass sie mir falsche Informationen gegeben hat, die im Nachhinein als Missverständnis tituliert wurden, obwohl die E-Mails aus der Zeit ganz unmissverständlich sind. Es muss auch einen Grund haben, warum ich neun Monate lang vertröstet wurde, obwohl man offensichtlich die ganze Zeit schon nicht mit mir arbeiten wollte.

Ich dachte in meiner Naivität, wenn ich mich professionell verhalte, schnell und zuverlässig arbeite, dann könnte mir das Pluspunkte einbringen. Weit gefehlt. Schon irgendwie seltsam, dass in einem großen Verlag Professionalität gar nicht gefragt ist. Auch damit hatte ich nicht gerechnet.

 

Die Sache ist nur die: Mir ist Professionalität wichtig. Dazu gehört, dass ich Menschen, die im selben (Vertrags-)Verhältnis zu mir stehen, gleich behandle.

Ich habe gerade in meinem Brotjob eine Kundin, die mir den letzten Nerv raubt und für die ich eigentlich wirklich nicht mehr arbeiten will. Trotzdem nehme ich mich zusammen, rette auch ihren Webshop an einem Samstagnachmittag, wie ich es für jede andere Kundin tun würde, die mich verzweifelt anruft. Trotzdem biete ich ihr denselben Service wie allen anderen. Bis jetzt habe ich es nicht geschafft, mich so abweisend zu verhalten, dass sie nicht mehr mit mir arbeiten will. Ich kann das gar nicht. Meine Professionalität und mein Gerechtigkeitssinn sind einfach größer.

Ich würde es gerne auch in meinem Autorenleben so halten, aber vor allem möchte ich, dass es die Leute, mit denen ich arbeite, auch mit mir so halten. Wenn ich der Coverdesignerin spätabends schreibe, erwarte ich nicht, dass sie mir in der Sekunde antwortet, aber ich weiß, sie tut es in einem angemessenen Zeitrahmen. Ja, ich habe auch von ihr einmal ein patziges E-Mail bekommen, aber rückblickend betrachtet war ihr Tonfall berechtigt, auch wenn ich mich damals etwas auf den Schlips getreten gefühlt habe. Das Wichtigste: Sie stand trotzdem so weit über den Dingen, dass sie mir in einem gewissen, für sie machbaren Rahmen weitergeholfen hat. Ich schätze dieses Verhalten sehr. Und ich möchte definitiv lieber mit Leuten wie ihr arbeiten als mit solchen, die eigentlich gar nicht mit mir arbeiten wollen.

 

Und genau das ist es, was ich mit der gestrigen Löschaktion bezwecken wollte. In der Isolation, in der ich mich seit mittlerweile 4 Wochen befinde, nehme ich mir eine neue Freiheit. Ich will kein Sklave eines Systems sein, selbst wenn mir das noch so viele Vorteile einbringen könnte. Ich laufe niemandem hinterher, weder einem Verlag, noch einem Agenten, noch sonst irgendwem in dieser Branche, der mir nicht auf Augenhöhe begegnet. Ich habe es zum Glück nicht nötig, weil ich nicht vom Schreiben leben muss und über genügend Fähigkeiten verfüge, sodass die übrigen, die ich zukaufen muss, finanzierbar sind. Es geht sich aus und mehr muss es nicht.

Ich kann natürlich nicht alles hinter mir lassen, bestehende Verträge erfülle ich selbstverständlich. Aber was zukünftige betrifft, setze ich in andere Maßstäbe an als damals vor einem Jahr.

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© Pia Christina Prenner 2020