Mehr Gefühl

Gestern habe ich zum ersten Mal seit Corona wieder begonnen, ein Buch zu lesen. Also ein richtiges Buch. Irgendwann zwischendurch habe ich in drei Stunden einen kurzen (aber sehr amüsanten) Krimi als eBook gelesen und voriges Wochenende mein eigenes Manuskript. Jetzt habe ich wieder ein Buch aus Papier zur Hand genommen und es hat ziemlich viele Seiten. Trotzdem ist es … nun ja, leichte Lektüre – aus der ich aber etwas gelernt habe.

 

In mindestens zwei Kritiken zu "Zimtschneckenjahre" stand drin, dass die jeweilige Leserin sich mehr Gefühl erwartet hätte. Einige andere beschreiben den Roman dagegen als "gefühlvoll". Diese beiden Urteile haben mich einigermaßen verwirrt. Klar, solche Dinge liegen immer im Auge des Betrachters. Aber die beiden Aussagen sind so konträr, dass ich mich ein halbes Jahr lang gefragt habe, woher das kommt und was ich anders machen hätte müssen.

Jetzt weiß ich es.

In den beiden Ansichten stecken unterschiedliche Vorstellungen von "gefühlvoll". Ich persönlich stimme mit der zweiten überein, für mich bedeutet es, dass ich mich in eine Geschichte hineingezogen fühle, mit den Protagonisten mitleide oder mitlache. Eben einfach, dass der Text meine Gefühlswelt in irgendeiner Form stimuliert.

 

Nun lese ich gerade diesen Roman, der von der Story her – obwohl das Setting platt ist – eigentlich ganz nett ist und gut geschrieben. Jedenfalls so, dass ich weiterlesen will, obwohl das Ende absehbar ist. (Was im Übrigen meiner Ansicht nach ein wichtiges Kriterium für einen guten Liebesroman ist. Mal ehrlich, wir wollen, dass die zwei am Ende zusammenkommen, wir lesen Bücher doch auch in der Hoffnung auf ein Happy End. Aber auf dem Weg dahin lassen wir uns schon mal ein bisschen quälen. Wenn nicht, wollen wir zumindest gut unterhalten werden.)

Was mich aber massiv nervt – und hier kommen wir zum Punkt – ist die dauernde, völlig unnatürliche sexuelle Spannung zwischen den beiden Protagonisten, deren Beschreibung regelmäßig den Fortgang der Geschichte hemmt.

 

Erkenntnis des Tages:

Genau das haben sich aber die Leserinnen, denen in meinem Roman das Gefühl fehlt, erwartet. Sie hätten sich gewünscht, dass Ben und Lea bei jeder Begegnung gegen die sexuelle Anspannung zwischen ihnen ankämpfen müssen, weil sie unvernünftig ist, aber auch nach sieben Jahren immer noch da und zwar in einer völlig überzeichneten, realitätsfremden Art.

 

Versteht mich nicht falsch, ich will gar niemanden verurteilen, der solche Bücher gerne liest. Ich werde das hier auch fertig lesen, weil es mich genügend fesselt, um diese Unterbrechungen auszuhalten. Aber eines steht fest: Ich schreibe solche Bücher nicht. Ich schreibe die Geschichten nämlich so, wie ich sie gerne lesen würde, wie ich sie auch mehrmals lesen würde, ohne gelangweilt weiterzublättern, wenn die beiden 3 Minuten, nachdem sie sich darauf geeinigt haben, dass der Kuss eine blöde Idee war, schon wieder kurz davor stehen. Mich interessiert bei meinen Charakteren einfach nicht, wie heiß sie sich gegenseitig finden, sondern was dahinter steckt und ob sie eine gemeinsame Basis für eine Beziehung haben. Andere Baustelle.

 

Aber, hey, ich freue mich gerade sehr über diese Erkenntnis. Jetzt weiß ich nämlich, dass ich in dieser Sache in meinem Romandebüt nichts falsch gemacht habe. Die Leserinnen sind mit einer gewissen Erwartung an das Buch herangegangen, die sich nicht erfüllt hat. Ich will gar nicht schreiben "leider nicht erfüllt hat", denn ich bedauere das nicht. Denn es ist ein unverrückbares Grundprinzip in meiner Arbeit als Autorin: Ich schreibe das, was ich selber gerne lesen möchte, denn ich bin überzeugt davon, dass ich nicht die Einzige bin, die genauso tickt.

Geschmäcker sind verschieden.

Idealerweise bedient die Vielzahl der Liebesromanautoren da draußen sie alle, damit alle Leser auf ihre Kosten kommen.

 

Ps: Und jetzt nutze ich die wiedergewonnene Post-Coronaisolation-Freiheit, um noch ein paar Kapitel zu lesen. Ich will ja wissen, wie die zwei zusammenkommen.

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© Pia Christina Prenner 2020