Überarbeiten

Ich liebe es zu schreiben.

Aber – ganz ehrlich – in Wahrheit macht mir das Überarbeiten noch viel mehr Spaß.

 

Jemand hat kürzlich ein Zitat von Ernest Hemingway gepostet, das lautet: "Der erste Entwurf von allem ist Mist."

Ganz so drastisch würde ich es nicht ausdrücken, aber im Grunde hat er recht.

 

Was ich am Überarbeiten so mag? Es nimmt den Druck.

Wenn ich eine Geschichte zum ersten Mal niederschreibe, lasse ich die Worte einfach fließen. Manchmal wollen sie aber nicht und dann quält man sich durch Passagen durch. Aber wenn man sich erst bewusst gemacht hat, dass man bloß auf einem Computer tippt und nicht gerade Zeichen in den Stein von Rosette meißelt, dann kommt man mit den holprigen Textstellen viel besser zurecht. Man lässt sie vorerst einfach so, wie sie jetzt gerade eben sind, und nimmt sie sich später noch einmal vor. Inzwischen kann man sich darauf konzentrieren, die eigentliche Geschichte voranzutreiben.

 

Ich lese meine eigenen Texte wirklich gerne noch einmal. Irgendjemand hat einmal gesagt: "Ein Buch, das es nicht wert ist, zweimal gelesen zu werden, ist es auch nicht wert, einmal gelesen zu werden." Wenn es mir als Autorin schon keinen Spaß machen würde, ein Manuskript immer wieder durchzulesen, wie sollte ich dann bloß Leser dafür begeistern?

 

Wie oft ich meinen Debütroman selber gelesen habe, kann ich gar nicht sagen. Oft. Sehr oft. Und jeder Durchgang brachte neue Erkenntnisse.

Ich glaube, die Kunst am Bücherschreiben ist gar nicht so sehr das Schreiben selbst, sondern eher die Fähigkeit, sich mit seinen eigenen Ergüssen kritisch auseinanderzusetzen. Manchmal schreibt man Szenen, die man in dem Moment total lustig oder rührend oder wichtig findet. Aber irgendwann muss man sich eingestehen, dass sie doch nicht so amüsant sind, nicht rührend, sondern melodramatisch und überhaupt für die Handlung eigentlich gar nicht wichtig.

Jedes Überarbeiten ist wie ein Frühjahrsputz. Idealerweise ist das Haus am Ende sauber und es stehen nur noch die Dinge herum, die man wirklich braucht, um glücklich zu sein. (Dass der eine gerne viel Krimskrams hat und der andere es geradlinig mag, ist eine andere Sache. Auch beim Schreiben hat jeder seinen Stil.)

 

Ich behaupte jetzt einmal, dass ich ziemlich gut darin bin, herauszufiltern, was für eine Geschichte wichtig ist und was nicht. Das heißt allerdings keineswegs, dass ich mich von überflüssigen Szenen oder auch nur Sätzen leicht trennen kann. Manchmal verursacht etwas schon beim Schreiben so ein eigenartiges Gefühl in der Magengegend: Man weiß, das wird so nicht stehen bleiben, aber man ist noch nicht bereit, sich davon zu trennen. Dann liest man die Stelle immer wieder und jedesmal ist dieser Druck im Bauch wieder da. Also bei mir zumindest. Bis ich nachgebe und den Teil lösche.

 

Es war am Ende des Sprachlektorats von "Zimtschneckenjahre" für mich total schön, keine Bauchweh-Stellen mehr im Text zu haben. Ein paar waren erst im Lektorat entstanden, Änderungsvorschläge der Redakteurin, die ich zwar im ersten Moment akzeptiert hatte, mit denen ich mich aber später doch nicht wohlgefühlt habe. Es gab da eine Stelle – eigentlich waren es nur zwei Wörter –, die mich dazu bewogen hat, nach "Ich glaube, wir sind fertig", noch einmal zurückzurudern und um eine Änderung zu bitten. Und ich bin heute heilfroh, dass ich es gemacht habe.

  

Jetzt ist die Arbeit am ersten Roman für mich abgeschlossen, die letzten Schritte bis zur Veröffentlichung übernimmt der Verlag.

Ich stürze mich inzwischen auf die Überarbeitung der übrigen Manuskripte, die ich hier so herumliegen habe. Was aus denen wird, weiß ich zwar noch nicht, aber mir macht es jedenfalls Spaß, sie immer und immer wieder zu lesen und dabei darauf zu hören, was mein Bauch zu sagen hat.

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Pia Christina Prenner – schreiben@piachristinaprenner.at