Zurückbiegen

In diesen Tagen ist ja oft die Rede davon, die ungewöhnliche und ungewohnte Corona-Zeit zur Rückbesinnung zu nutzen. Eine Auszeit, ein bisschen Wellness, Abschalten, Ausklinken aus einer Welt, die viel zu schnell geworden ist. Und dem gegenüber stehen dann Mütter, die im Homeoffice auch noch ihre Kinder schulisch betreuen müssen, ohne dass plötzlich in der Nacht Heinzelmännchen vorbeikommen und den Haushalt erledigen.

Auch wenn wir alle im selben Boot sitzen – und ich finde, dass man das gar nicht oft genug betonen kann – muss am Ende doch irgendwie jeder für sich schauen, wie er es heil durch diese Phase schafft.

Mir geht's bis jetzt eigentlich ganz gut.

 

Ich will euch jetzt aber nicht mit meinem Corona-Alltag langweilen. Der ist auch nicht spektakulärer als eurer. Bis auf den einen oder anderen Ausreißer haben wir die ersten drei Wochen der Isolation gut überstanden. Es waren aber auch (inklusive Kindergartenkind!) alle extrem diszipliniert.

Nein, eigentlich wollte ich über etwas anderes schreiben und das hat nur bedingt mit Corona und den Folgen zu tun – und zwar nur insofern, dass das Virus für die Absage der Buchmesse verantwortlich war und das wiederum die anderen Dinge in Gang gesetzt hat. Ein Monat später stehe ich an einem Punkt, an dem ich das Gefühl habe – ja – wieder aufrecht zu stehen. Nicht, weil mich die Absage der Buchmesse oder die Ablehnung des Verlags so niedergeschmettert hätten. Ganz im Gegenteil. Ein Knoten hat sich gelöst. Genau genommen fühlt es sich an, als wäre ich selbst verknotet gewesen. Und jetzt bin ich es nicht mehr.

 

Ich habe vorhin meine Homepage überarbeitet. Falls du vor dem heutigen Tag mal hier warst, wird dir vielleicht aufgefallen sein, dass ich einiges reduziert habe. Ich finde sie jetzt klarer. Und sie schreit auch nicht mehr so laut: "Kauf mein Buch!"

Warum sie das vorher gemacht hat? Na weil mir das Leute, von denen ich dachte, sie würden es besser wissen als ich, geraten haben. Angesichts der Tatsache, dass ich seit über 10 Jahren hauptberuflich Websites konzipiere und programmiere, muss man sich den Satz mal auf der Zunge zergehen lassen.

Wo war eigentlich mein Selbstbewusstsein in den letzten 12 Monaten???

 

Ich will hier gar nicht behaupten, ich hätte in Bezug auf Websites die Weisheit mit dem Löffel gefressen. Habe ich nicht. Ich bin mir sogar dessen bewusst, dass manche Dinge, so wie ich sie mache, nicht ganz optimal sind. Aber "optimal" hängt immer davon ab, worauf du abzielst. Das Internet ist eine ziemlich vage Angelegenheit. Und unterm Strich gibt es für die Erstellung einer Website – insbesondere für einzelne Personen – nur einen einzigen Rat, auf den man wirklich hören sollte: Gestalte die Seite so, dass du dich damit wohlfühlst!

Das grundsätzliche Design meiner Homepage fand ich die ganze Zeit über hübsch. Ich mag die Farben und die Schriften. Ich mag nicht, dass das Cover meines Debütromans sich damit schlägt. Mein Wunschcover hätte sich viel besser eingefügt, aber das hat der Verlag ja abgelehnt.

Und damit sind wir wieder zurück beim Knoten: Jetzt sind es fast auf den Tag genau 12 Monate, seit ich begonnen habe, mich so weit zu verbiegen, dass eine chinesische Zirkusartistin ein Schmarrn dagegen wäre.

Was ist da passiert? Ihr erinnert euch vielleicht – ich habe meinen ersten Verlagsvertrag angeboten bekommen.

 

Rückblickend war die Entscheidung, das Angebot anzunehmen, zwar richtig, aber schlecht. Das macht zusammen nicht zwingend "richtig schlecht". Es heißt einfach, dass ich hauptsächlich schlechte Erfahrungen gemacht habe, für die ich aber trotzdem dankbar bin. Wenn mir das alles nur jemand erzählt hätte, hätte ich es ja doch nicht geglaubt. Man wird am Ende immer nur aus dem eigenen Schaden klug.

Eigentlich glaube ich sogar, dass jeder, der sich irgendwie als Künstler versteht, eine derartige Erfahrung machen muss. Ich habe einmal ein Interview mit Johannes Strate von "Revolverheld" gehört, in dem er erzählt hat, wie es ihm mit seinem ersten Plattenvertrag ergangen ist. Als er den unterschrieben hat, dachte er nämlich auch, das wäre es jetzt, er hätte es geschafft. Dann blieb der große Hit aus, das Label warf die Band wieder raus und was für ihn folgte war ein tiefer Absturz.

Nun bin ich (zum Glück) keine 20 mehr und das hilft erheblich dabei, den Sturz abzufangen. Weil ich ihn nämlich schon monatelang kommen sehen habe. So konnte ich quasi eine Judorolle hinlegen und nach der Landung einfach wieder aufstehen. Und dann einen Schritt zur Seite machen, mir die Zeitlupe nochmal ansehen und feststellen: Das warst doch alles gar nicht DU.

 

Das ist nämlich der Kern der ganzen Sache: Ich habe mich so verdreht, dass ich mich selber kaum wiedererkannt habe. Ich bin niemand, der wartet – ich mache. Ich bin niemand, der Entscheidungen ergeben abnickt – ich treffe sie selbst. Ich finde Dinge schön, weil sie mich berühren und nicht, weil mir jemand sagt, dass es schön ist. Ich kann mich für Dinge begeistern, aber ich folge nicht blind jedem Trend.

Im vergangenen Jahr habe ich viel Zeit damit verbracht, auf Dinge zu warten, die nie eingetreten sind. Ich habe mich mit Entscheidungen abgefunden, mit denen ich nicht glücklich war. Ich habe mir einreden lassen, dass etwas schön ist, obwohl es mir nicht gefällt. Und ich bin anderen hinterher gehechelt und habe versucht, mehr wie sie zu sein, weil sie scheinbar besser sind als ich.

Was mich tröstet: Mein Bauchgefühl hat mir die ganze Zeit über gesagt, dass etwas nicht stimmt. Ich habe nur ziemlich lange gebraucht, um alles aufzudecken, und ich werde wahrscheinlich noch eine Weile brauchen, um einen Weg zu finden, der wirklich MEINER ist. Auch die Buchbranche ist eine vage Angelegenheit und es gibt kein optimales Rezept für den Erfolg. Und außerdem ist "optimal" – ihr erinnert euch – ja immer abhängig von meiner Zielsetzung.

 

Mein Ziel ist es jedenfalls nicht mehr, mit aller Gewalt bei einem Verlag landen zu müssen. Kann sein, dass es trotzdem passiert, denn man soll ja bekanntlich niemals "Nie!" sagen. Aber ich versuche es in nächster Zeit mehr mit Judith Holofernes zu halten, die über ihrem Schreibtisch ein Bild hängen hat mit der Aufschrift: "Hell yes! Or no."

Oder wenn ich schon dabei bin, mich in diesem Blogbeitrag auf deutsche Sänger zu stützen, dann hier noch eine Zeile aus einem Lied von Reinhard Mey, das ich vor geschätzten 20 Jahren rauf und runter gehört habe: "Hör was der alte Reineke dir sagt: Wenn auch nur der allerkleinste Zweifel an dir nagt, Füchschen, glaub ihm nicht!"

 

In diesem Sinne: Das Füchsen hört ab jetzt wieder mehr auf sein Bauchgefühl und verbiegt sich nur mehr so weit, dass es sich in all dem, was kommt, immer noch selber erkennen kann.

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© Pia Christina Prenner 2020