Ich bin Künstlerin

Was jetzt kommt, kommt für mich eigentlich nicht plötzlich. Aber irgendwie doch. Gestern Abend hatte ich eine Erkenntnis.

Danke, Amanda Palmer.

 

Zu Beginn der Coronazeit habe ich mir die erste englische Podcastfolge von Judith Holofernes' "Salon Holofernes" mit Amanda Palmer angehört. Ich kannte Amanda vorher nicht, habe mir aber noch während des Zuhörens ihr Buch "The Art of Asking" bestellt. Aufgrund von Corona dauerte es ungefähr zwei Monate, bis es bei meinem lokalen Buchhändler eintraf. Ich dachte schon, die hätten mich vergessen, als die Nachricht eintraf: "Ihr englisches Buch ist auch endlich da." (Dazwischen hatte ich schon mehrere andere Bestellungen aufgegeben.)

 

Selbst als ich das Buch endlich in Händen hielt, dauerte es noch ein paar Tage, bis ich zu lesen anfangen konnte. Corona hat komische Dinge mit meinem Gehirn gemacht, Bücher lesen war eine Anstrengung, die ich in diesen Wochen kaum bewältigen konnte. Dementsprechend musste ich mich auch an Amandas Geschichte erst langsam herantasten.

Sie liest sich sehr leicht – auch auf Englisch. Trotzdem habe ich anfangs immer nur ein paar Seiten am Tag geschafft, was auch daran lag, dass ich einiges erst verarbeiten musste, bevor ich weiterlesen konnte. Amandas Zugang zum Künstler-Sein, Showgeschäft und eigentlich zum ganzen Leben ist besonders. Faszinierend. Leider ziemlich einzigartig, denn es würde nicht schaden, wenn wir alle ein bisschen mehr Amanda wären.

 

Ich habe die ersten 200 Seiten des Buches aus der Perspektive der Autorin gelesen, die sich fragt, ob eine Herangehensweise an das Verbreiten meiner Bücher in einer ähnlichen Art, wie Amanda ihre Musik unter die Leute bringt, möglich ist. (Ja, vermutlich schon, nur hätte ich wahrscheinlich wie sie schon in meinen 20ern damit anfangen müssen.) Die ganze Zeit hatte ich im Hinterkopf, dass ich ja quasi nur Teilzeit-Künstlerin bin, denn mein Hauptjob, der ist doch ziemlich … gewöhnlich.

Mir fehlt noch 1/3 des Buches, aber schon jetzt weiß ich, dass ich die Stelle erreicht habe, die mich am meisten betrifft, das, was ich definitiv mitnehmen werde. Amanda schreibt von einem Telefonat mit ihrer Mutter als Vorbereitung für eine Rede, die sie vor Mitarbeiterinnen von Microsoft halten sollte, und von der Erkenntnis in diesem Gespräch: Auch ihre Mutter hat ihr Leben lang Kunst produziert, nur eine, die sie sich nicht an die Wand hängen kann. Amandas Mutter war von Beruf Programmiererin.

 

Eigentlich hatte ich es schon jahrelang auf meiner Website stehen, aber richtig verstanden habe ich es erst gestern. In meinem "Über mich"-Text zu meinem Programmiererin-Ego steht, dass ich an dieser Arbeit am meisten liebe, wie sie linke und rechte Gehirnhälfte verknüpft. Amanda würde es nennen: "Connecting the dots." Das mache ich. Ich finde Wege, wie die Visionen, die meine Kunden, ich oder eine Grafikerin von einer Website haben, zum Leben erwachen, besuchbar, "angreifbar" werden. Nichts verschafft mir (in diesem Teil meiner beruflichen Tätigkeit) mehr Genugtuung, als wenn ich einen Entwurf, den ich zuerst für unmöglich umsetzbar erachtet habe, als fertige, funktionierende Website vor mir habe. Dorthin zu gelangen, erfordert häufig viel Kreativität und um-die-Ecke-Denken, trotzdem habe ich es bis jetzt eigentlich nicht als "Kunst" betrachtet. Wenn ich mir eine Homepage ausdrucken und an die Wand hängen würde, würde man nur die grafische Gestaltung sehen, die höchst wahrscheinlich gar nicht von mir wäre. Meine Kunst lässt sich nicht an die Wand hängen. Genauso wenig wie die von Amanda Palmers Mutter.

 

Ich habe schon vor ein oder zwei Wochen begonnen, meine Website umzubauen und mein Instagram-Profil zu erweitern. Vielleicht liegt es am runden Geburtstag, wahrscheinlich aber am Austausch mit einer lieben Freundin, die noch darauf zusteuert. Wir sind beide an einem Wendepunkt angelangt, an dem wir aufhören wollen, aus Teilen zu bestehen. Wir wollen ein Ganzes sein und uns als solches der Welt präsentieren. Deshalb bauen wir gerade gemeinsam ihren Webauftritt um und deshalb habe ich entschieden, meine beiden getrennten Websites und die dort vorgestellten Bereiche meines Arbeitslebens unter ein Dach zusammenzufassen. Ich bin beides, Programmiererin und Autorin. Zu welchem Teil was – das schwankt dauernd. Es hängt ab von Auftragslage und Ideenfluss. Aber eines steht fest: Ich bin beides und ich liebe beides und ich will mich gar nicht für eines von beiden entscheiden müssen. Wenn ich es zusammenfassen muss, dann bin ich ab sofort Künstlerin, die ihre Kreativität in zwei unterschiedlichen Bereichen auslebt.

 

Und so fügt sich alles zusammen zu einem großen Ganzen.

 

Ps: Übrigens habe ich mir noch keinen einzigen Song von Amanda Palmer angehört oder ihre Website angesehen oder ihre Social Media Feeds, die einen großen Teil ihres Gesamtpakets ausmachen. Ich habe für mich beschlossen, zuerst das Buch fertig zu lesen und mich dann weiter an ihre künstlerische Arbeit heranzutasten. Ich habe wahrscheinlich ein bisschen Angst davor, ihre Musik könnte mir nicht gefallen, obwohl mir doch der Mensch so gefällt. Deshalb verlinke ich Amandas Website auch nicht. Ich war noch nicht dort, so weit bin ich noch nicht.

Comments powered by CComment

© Pia Christina Prenner 2020