Realität vs. Fiktion

Vor ein paar Tagen drehte sich beim #autorensonntag auf Instagram alles um das Thema "Realität in Büchern". Seither denke ich dauernd darüber nach, wie oft meine Figuren eigentlich aufs Klo gehen.

 

Mein eigener Beitrag hatte ein ganz anderes Thema und es war reiner Zufall, dass er zu der Aktion passte. Er behandelte die Frage, ob sich die Einschränkungen, die wir gerade alle durch das Corona-Virus erfahren, auf den Plot eines Buches auswirken sollen. Mich betrifft das bei einem Roman, den ich vergangenen November geplottet und zu Beginn des Jahres geschrieben habe. Aufgrund des Feedbacks der letzten Testleserin und den veränderten Gegebenheiten (auch diese Geschichte wird wahrscheinlich ein Falls fürs Selfpublishing) habe ich am vergangenen Wochenende ein neues Ende geschrieben, das zufälligerweise genau an diesem Wochenende spielt. Die Sache ist nur die, dass es sich so, wie ich es jetzt geschrieben habe, in der Realität nicht mehr abgespielt haben könnte. Obwohl … Ort der Handlung ist Schweden … also vielleicht doch.

Wie auch immer: Tatsache ist, dass derzeit die Autoren von Dystopien mit ihren Plots viel näher an der Realität dran sind als jemand wie ich, der bemüht ist, seine Geschichten so zu gestalten, dass sie auch im richtigen Leben stattgefunden haben könnten. Aber soll ich deshalb meine Protagonisten auf einmal Klopapier hamstern lassen?

 

Okay, ich gebe zu, das war eine ziemlich plumpe Überleitung zu der Frage, die mich beschäftigt, seit ich einige der anderen Beiträge zum #autorensonntag gelesen habe. Da ging es nämlich häufig darum, dass sie der Meinung sind, Figuren in Büchern hätten viel zu wenige Körperfunktionen, um real rüberzukommen. Seither denke ich über die Körperfunktionen meiner Charaktere nach und ich wage zu behaupten: Doch, bei mir sind die zumindest teilweise vorhanden. Sie müssen aufs Klo, sie schwitzen und sie stinken auch mal.

Das Schwitzen und Stinken bringt die Handlung meistens einfach mit sich, über die Sache mit dem Klo habe ich mir beim Schreiben tatsächlich manchmal den Kopf zerbrochen und zumindest in einer Geschichte ist sie zu einem echten Faktor geworden. In meinem (noch unveröffentlichten) Fantasyroman sind meine Protagonisten einige Wochen auf der Flucht und die Frage, wo sie sich erleichtern kann, ist für Kaja regelmäßig ein Thema. Am Ende wird sie zwischen den beiden sogar zu einem Running-Gag. Das alles war mit aber gar nicht bewusst, bis andere Autorinnen und Autoren plötzlich anfingen, es zum Thema zu machen.

Ich bin, ehrlich gesagt, auch gar nicht sicher, ob ich es gut finde, dass ich mir dieser Sache nun so bewusst geworden bin. Bis jetzt habe ich solche – mitunter auch unappetitliche – Details aus dem Bauch heraus eingefügt (wie ich überhaupt immer aus dem Bauch heraus schreibe und noch nicht ein einziges Mal auch nur einen Blick in einen Schreibratgeber geworfen habe). Irgendwie habe ich ein bisschen Angst, dass mir die Natürlichkeit abhanden kommt und meine Geschichten mehr konstruiert wirken, wenn ich mir Gedanken darüber mache, ob meine Hauptfigur gleich nach dem Aufstehen unbedingt aufs Klo muss oder ob sie den Typen, neben dem sie aufwacht, küssen will oder nicht, weil er möglicherweise aus dem Mund stinkt.

Irgendwo muss der Realismus in Büchern dann doch aufhören. Wir wollen uns schließlich alle ein wenig aus der Wirklichkeit ausklinken, wenn wir ein Buch in die Hand nehmen.

Insbesondere in Zeiten wie diesen.

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© Pia Christina Prenner 2020